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A Commodore's Fairytale
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Kapitel 1: Die Flucht von der Isla Cruz

Tropische Hitze. Exotische Vögel kreischten von den Bäumen und hinter ihm lauerte der sichere Tod. Er rannte, so schnell ihn seine Beine trugen. Äste peitschten ihm ins Gesicht bei seiner wilden Flucht über die kleine Insel namens Isla Cruz. Norrington warf einen hastigen Blick über die Schulter und verlangsamte das Tempo, als er merkte, dass seine Verfolger scheinbar nicht länger hinter ihm her waren. Schnaufend und keuchend erreichte er den Strand und ließ sich auf die Knie sinken. Er rang nach Luft und strich sich die Haare aus seinem von Schweiß überströmten Gesicht. Was hatte ihn da eigentlich gerade geritten, als er Sparrow das Herz von Davy Jones stahl und sich scheinbar todesmutig opferte und den vermeintlichen Retter von Sparrow und seinen Gefährten mimte? Norrington ließ die Geschehnisse vor seinem inneren Auge Revue passieren.

Nach einem wilden Kampf mit Will Turner und einem eher unfreiwilligen Sturz mit einem riesigen Wasserrad mitten ins Meer hatte Norrington als erster das kleine Beiboot erreicht, mit dem sie von der Black Pearl auf die Isla Cruz übergesetzt hatten. Um ihn herum tobte das Gefecht zwischen Sparrows Leuten und der mordlüsternen Meute Davy Jones’ . Keiner von ihnen bemerkte, wie er sich an dem Boot zu schaffen machte und den für Sparrow bestimmten Kaperbrief der East India Trading Company in die Innentasche seiner Jacke schob, genau wie das Herz von Davy Jones, welches der verrückte Captain der Black Pearl in einem Glas Dreck versteckt hatte. Vielleicht konnte Jack Sparrow ja die andern einfältigen Trottel auf seinem Schiff täuschen, aber nicht einen James Norrington! Mit seiner Beute in den Taschen stürzte er sich ins Kampfgetümmel. Doch die Gegner waren in der Überzahl und hatten Ihn, Sparrow, Miss Swann und die beiden unterbelichteten Schiffsclowns namens Pintel und Ragetti binnen kürzester Zeit in die Enge getrieben. Der nichtsnutzige Will Turner lag bereits bewusstlos im Beiboot, was Norrington nicht sonderlich wunderte.
Es war erstaunlich, was einem für Gedanken durch den Kopf schießen konnten angesichts des beinahe sicheren Todes. Und der Gedanke, der in diesem Moment sein Handeln bestimmte, war sowohl zwiespältig, als auch dumm, wie er sich jetzt im Nachhinein eingestehen musste. Ohne lange zu zögern riss er die im Beiboot liegende Truhe an sich, in der noch vor kurzem das Herz von Davy Jones gelegen hatte, rief seinen Begleitern zu, sie sollen nicht auf Ihn warten und hetzte mit der Truhe unter dem Arm und gezogenem Degen durch die Reihe der Angreifer, welche sofort die Verfolgung aufnahmen. Motiv dieser Wahnsinnstat war zum einen, dass er nicht zulassen konnte, dass Elizabeth etwas geschah. Egal was in den letzten Tagen und Wochen vorgefallen sein mag, sein Herz schlug immer noch für sie, ob er nun wollte oder nicht. Der andere Grund für sein Handeln jedoch war von ganz anderer Natur. Auf kurz oder lang hätte Sparrow es bemerkt, dass ihm das kostbare Herz abhanden gekommen war und wenn Sie erst wieder auf hoher See waren, gab es keinerlei Fluchtmöglichkeiten. Also konnte er sein Vorhaben, dass Herz von Davy Jones bei Lord Cuttler Beckett in Port Royal gegen eine Unterschrift auf dem gestohlenen Kaperbrief einzutauschen, vergessen. Im Grunde blieb ihm also gar keine Wahl.
Die johlende Meute scheuchte ihn zurück ins Dickicht. Weit kam er jedoch nicht. Norrington achtete nicht auf das unwegsame Gelände und stürzte über eine Wurzel. Das war’s, hätte man meinen können. Aber dieser kleine Unfall kam ihm ganz gelegen. Er nutze seine Chance, rappelte sich wieder auf, warf einem dieser Ungetüme, die Truhe zu und türmte.

Und hier saß er nun . Einsam und alleine an einem Strand mitten auf einer unbewohnten kleinen Insel. Die Pearl segelte mittlerweile bestimmt aufs Meer hinaus und ließ ihn zurück. Und Davy Jones’ Crew hatte sich scheinbar auch wieder zurückgezogen. Sie hatten schließlich bekommen, was sie wollten. Zumindest einen Teil davon. Nun hatte er mehr Zeit, als ihm lieb war, sich über die klitzekleine Lücke seines nicht ganz so genialen Plans Gedanken zu machen. Wie kam er ohne Boot von dieser verfluchten Insel runter? Seufzend rappelte der ehemalige Commodore der Royal Navy sich wieder auf und ging im Geiste seine Möglichkeiten durch. Darauf zu warten, das zufällig irgendwann ein Schiff an dieser gottverlassenen Insel vorbei kam, war relativ aussichtslos. Er würde also irgendwie aus eigener Kraft hier wegkommen müssen. Er konnte sich vielleicht ein Floß bauen. Holz gab es hier schließlich genug. Nur wo ein Seil hernehmen oder gar ein Segel? Nun, zumindest war dies schon einmal eine Option, die man im Hinterkopf behalten konnte. Vorerst beschloss Norrington allerdings, die Insel genauer zu erkunden. Wer weiß, was sich noch finden ließ. Außerdem hatte er bei dem Sturz vorhin seinen Degen verloren. Auf diesen wollte er nur ungern verzichten.
Er nahm den Weg zurück, den er gerade gekommen war und fand seine Waffe im Gras liegend an der Stelle wo gerade noch eine Horde bizarrer Seeungeheuer gestanden hatte. Er nahm sein Eigen an sich und schob es zurück in seinen Schwertgurt, sah sich um und versuchte sich zu orientieren. Irgendwo hier in der Nähe musste die Ruine sein, in der er noch vor kurzem mit Turner und Sparrow um den Schlüssel zu Davy Jones Truhe gefochten hatte. Dort ließ sich doch bestimmt irgendetwas nützliches finden. Er brauchte dringend Trinkwasser und etwas essbares. Wer weiß, wie lange er hier ausharren musste. Er schlug also die Richtung ein, in der er besagte Ruine vermutete und fand nach einigem Hin- und Herirren sein Ziel.
Von der Kirche, die einst hier gestanden hatte, war kaum mehr übrig geblieben, als der Glockenturm. Ja genau, der Glockenturm! Das war doch die Idee. Eilig betrat er das alte Gemäuer und sein Blick fiel sofort auf das Seil, an dem die alte Glocke befestigt war. Sollte er sich tatsächlich sein Floß bauen wollen, käme ihm dieses Seil mehr als gelegen. Norrington erklomm die Stufen des Turmes bis hoch zur Glocke und machte sich an dem Seil zu schaffen. Nach kurzem Ziehen und Zerren an den Verankerungen kam er jedoch zu dem Schluss, dass hier nur noch rohe Gewalt helfen konnte. Also zog er seinen Degen und säbelte das Seil einfach durch. Mit ohrenbetäubendem Geschepper fiel die Glocke zu Boden und für einen Moment glaubte Norrington fast, er hätte endgültig sein Gehör verloren, während er die Hände auf die Ohren presste. Er schüttelte kurz den Kopf um das Klingeln in seinen Ohren zu vertreiben und sah hinab auf sein Werk. Die Glocke hatte bei ihrem Sturz einen Teil der verrottenden Holztreppe mit sich gerissen. Sei es drum, immerhin hatte er erreicht , was er wollte. Vorsichtig stieg er den Glockenturm wieder hinab und achtete auf jeden seiner Schritte. Schließlich wusste man nie, wann die morsche Konstruktion endgültig einzustürzen drohte. Endlich unten angekommen, raffte er das Seil, welches ebenfalls zu Boden gefallen war, zusammen, rollte es auf, legte es sich um die linke Schulter und verließ das Gemäuer.
Die Sonne strahlte ihm hell und blendend ins Gesicht und er musste kurz seinen Blick abschirmen. Er blinzelte ein paar mal und als er seine Umgebung wieder klar erkennen konnte, wanderte sein Blick zu der Stelle, wo noch vor kurzem das gigantische Wasserrad gestanden hatte, mit dem er und der junge Will Turner unfreiwillig eine kleine Fahrt unternommen hatten. Er legte den Kopf schief und horchte angestrengt. Wo einst ein Wasserrad gestanden hatte, musste es auch fließendes Wasser geben. Doch er hörte nichts, außer den kreischenden Vögeln und dem fernen Rauschen des Meeres. Er seufzte. Es durfte einfach nicht sein, dass die Quelle versiegt war. Norrington näherte sich mit schnellen Schritten der Stelle, wo er den Ursprung der Wasserstelle vermutete. Und tatsächlich lief ein kleiner bescheidener Rinnsal Wasser der alten Kirchenruine entgegen. Hier mochte wohl einstmals ein kleiner Fluss gewesen sein, der mit Hilfe einer von Menschenhand angelegten Holzrinne umgeleitet wurde. Doch nun war nicht mehr viel davon übrig, was erklären könnte, warum die Insel nicht länger bewohnt war.
Durstig fing er etwas Wasser mit den Händen auf und trank gierig. Selten hatte Wasser so gut geschmeckt. Man wurde eben bescheiden, wenn einem alles genommen wurde. Energisch verdrängte er die düsteren Gedanken an seine große Schande und das leichte Schamgefühl, das ihn überkommen wollte machte der unbändigen Wut platz, die er auf Sparrow und Turner hatte. Sie würden auf kurz oder lang dafür bezahlen, was sie ihm angetan hatten. Aber nun über seine Rachepläne zu sinnieren hatte keinen Zweck. Norrington besann sich also wieder auf seine Fluchtpläne. Immerhin hatte er jetzt sogar Wasser. Nun musste nur noch ein Gefäß her, mit dem er es auffangen und transportieren konnte. Er lief ein paar mal um die Ruine, in der Hoffnung, irgendetwas zu finden. Alte Flaschen oder ein Fass, Kisten oder was auch immer. Aber dort lag rein gar nichts außer Schutt und Gestein. Auch bei den Gräbern am nahe gelegenen Friedhof hatte er kein Glück. Fluchend kickte er mit dem Fuß eines der Holzkreuze um und überlegte angestrengt. Irgendetwas musste ihm einfallen! Er massierte genervt sein Schläfen und spürte unter seiner Jacke das Herz von Davy Jones pulsieren. Gedankenversunken legte er eine Hand auf die Stelle. Mein Gott, das war wirklich widerlich. Das schleimige Ding durchweichte langsam aber sicher das, was von seiner Weste und seinem Hemd übrig geblieben war. Aber darauf kam es nun eigentlich auch nicht mehr an. Er sah ohnehin schon fast schlimmer aus, als die übelsten Trunkenbolde, die sich in Tortugas Straßen herumtrieben. Und so weit war dieser Vergleich ja auch gar nicht von der Wahrheit entfernt. Schließlich war es noch gar nicht lange her, das man den ehemaligen Commodore sternhagelvoll mit einer Flasche Rum in der Hand durch Tortuga hat wanken sehen. Bei dem Gedanken an den anschließenden Kater wurde ihm jetzt noch ganz anders. Davon, sich den Kummer wegsaufen zu wollen, war er vorerst jedenfalls kuriert. Und man sah ja jetzt, wo ihn das hingeführt hatte. Norrington stieß noch einmal einen langen tiefen Seufzer aus, sah sich missmutig um und setzte dann seine kleine Exkursion über die Insel fort.
Das fremde Herz pochte immer wieder gegen seine Brust und wie er so ziellos über die Insel wanderte, kam ihm plötzlich eine Erinnerung in den Sinn. Wo hatten sie eigentlich die Kiste gelassen, in der sich die Truhe und Jones Herz befunden hatte? Die müsste doch eigentlich noch an der Stelle liegen, an der sie sie aus dem Sand geborgen hatten. Den Grossteil des Inhaltes hatten er, Elizabeth und Sparrow unbeachtet gelassen. Und nun war doch die beste Gelegenheit, herauszufinden, was der alte Tintenfisch sonst noch vor dem Rest der Welt verbergen wollte.
Er kehrte also zurück an den Strand und fand nach kurzer Suche die große Holzkiste, sowie die beiden Schaufeln, mit dessen Hilfe größtenteils er selbst die Kiste freigelegt hatte, während Sparrow daneben saß und vorgab, über den Sinn des Seins zu meditieren. Bevor er sich der Kiste annahm, betrachtete er nachdenklich die Schaufeln, nahm eine von Ihnen in die Hand, wog ihr Gewicht und ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Na wer sagt’s denn. Nun hatte er schon ein Seil, und sogar zwei Paddel für sein Floß. Er legte die beiden Schaufeln schon einmal griffbereit und wandte sich nun der offenen Kiste zu. Der leichte Wind hatte bereits ein paar Schriftstücke herausgeweht, die nun verteilt im Sand lagen. Er hob sie auf, überflog den Inhalt und entschied, dass sie nicht weiter von Belang für Ihn wären. Es handelte sich hauptsächlich um Schriftverkehr. Offensichtlich mit einer Frau. Die krakelige Handschrift konnte er allerdings nur schwer entziffern. Der Name der Dame konnte Terra lauten oder Lia oder was auch immer. Es war ihm im Grunde egal. Schließlich half ihm das auch nicht von der Insel runter. Er warf die Briefe achtlos bei Seite und förderte noch ein gutes Dutzend weitere aus der Kiste zu Tage. Doch nun wurde es langsam interessant. Ganz unten in der Kiste fand er einen Lederbeutel gefüllt mit einigen Münzen, zwei protzigen Ringen und einer wertvollen Perlenkette. Die Wertsachen ließ Norrington sofort in seine Jackentaschen wandern. Dann nahm er das Herz aus der Innentasche seiner Jacke und verstaute es in dem Lederbeutel. Dieser wanderte wieder in sein Tasche und schütze nun Hemd und Weste von den ekelerregenden Ausflüssen und Norringtons Nase vor dem Gestank des Herzens.
Außerdem fand er in der Kiste noch einen Kompass und einen silbernen Flachmann, der zwar nicht sonderlich groß war, aber immerhin war das besser, als gar kein Gefäß für sein Trinkwasser zu haben. Beide Gegenstände nahm er an sich und mit dem restlichen Inhalt der Kiste machte Norrington kurzen Prozess und kippte alles zurück in das Loch, aus dem sie die Kiste geborgen hatten. Voll bepackt mit der Kiste, den 2 Schaufeln, dem Seil und seinen gefüllten Taschen machte er sich nun wieder auf den Weg zur Kirchenruine. Ihm schien es am klügsten vorerst alles hier zu deponieren. Nicht das er Gefahr laufen würde, bestohlen zu werden. Schließlich war er völlig allein auf dieser vermaledeiten Insel. Aber sollte ein Sturm aufkommen, so würde ihm das Meer seine neue Habe nicht so einfach entreißen. Außerdem konnte er hier den Flachmann auswaschen und mit Wasser befüllen.
Er betrachtete nachdenklich seine Schätze. Im Grunde stand nun dem Bau eines Floßes nichts mehr im Wege. Selbst für ein provisorisches Segel hatte er schon eine Idee. Er würde einfach sein Hemd umfunktionieren. Das war zwar nicht viel, aber es musste eben gehen. Nur der Proviant machte ihm noch Kopfzerbrechen. So viel Wasser hatte er nun auch wieder nicht, von fester Nahrung mal ganz zu schweigen. Er musste also wohl oder übel noch einmal losziehen. Dem Stand der Sonne zu urteilen musste es bereits später Nachmittag sein. Norringtons Hoffnung schwand, noch heute von der Insel herunterzukommen. Selbst wenn er heute noch mit dem Bau des Floßes begann, irgendwann würde ihm das Dunkel der Nacht den Bau erheblich erschweren und irgendwann musste er auch schlafen. Erschöpft und unausgeruht floh es sich bekanntlich nicht sonderlich gut.
Missmutig schob er die Hände in die Taschen und machte sich erneut auf den Weg. Er folgte einem schmalen Pfad, der einstmals wohl eine kleine Straße von der Kirche zu einer kleinen Siedlung gewesen sein mochte. Die Natur hatte sich jedoch schon größtenteils zurückgeholt, was ihr von Menschenhand genommen wurde. Der Pfad war überwuchert von Gräsern, Farn und Moos und das was von der Siedlung übrig war, glich kaum noch einem einst bewohnten Dörfchen. Norrington schätze, dass hier einst vielleicht 15 Häuser gestanden haben mochten. Eine genau Zahl war schwer zu sagen, denn von einigen Häusern waren nicht einmal die Grundmauern übrig geblieben. Die paar Gemäuer, die noch als solche erkennbar waren, wurden von Ranken und allerlei Blattwerk überwuchert.
Norrington kämpfte sich durch das Wucherwerk und durchstöberte die alten Häuser. Die Gebäude waren winzig, aber ihre ehemaligen Bewohner hatten es wohl gut mit ihm gemeint. Die Ausbeute war nicht groß, aber er fand einen alten Blecheimer und eine verbeulte Kanne.
Was außerdem seine Aufmerksamkeit erregte, waren die rußigen Wände in jedem Haus. Alles was mal aus Holz bestanden haben mochte, war offensichtlich einen gewaltigen Brand zum Opfer gefallen. Er verwarf seine Theorie, dass die Menschen, die hier mal gelebt hatten, aufgrund von Trinkwassermangel geflohen waren. Nun blieb nur noch die Frage, ob der Brand ein Unfall war oder ob es sich gar um Brandstiftung gehandelt haben mochte. Aber was ging es ihn an? Vermutlich hatte Jones bei seinem Vorhaben, seine kostbare Truhe hier zu deponieren, sämtliche Störenfriede ausgeräuchert, damit ihm keiner sein Hab und Gut stehlen konnte.
Er ließ die Siedlung wieder hinter sich und durchkämmte das unwegsame Gelände. Sein Magen meldete sich bereits. Die letzte halbwegs vernünftige Mahlzeit hatte er am vergangenen Tag auf der Black Pearl zu sich genommen und diese war doch eher spärlich ausgefallen. Norrington dämmerte, dass sein heutiges Menü nicht besser ausfallen würde. Hier und da fand er ein paar Sträucher mit Beeren, die ja immerhin besser waren als gar nichts. Aber weit kam er damit auch nicht gerade. Da blieb ihm also nur eines: Sein Glück bei der Jagd zu versuchen. Durch das Unterholz huschte alles mögliche an Getier. Über die Appetitlichkeit von Fröschen, Schlangen und was da noch so kräuchte und fleuchte konnte man natürlich streiten, aber dies war nicht der richtige Zeitpunkt, um wählerisch zu sein. Selbst die große Schabe, die ihm plötzlich über die Füße krabbelte, machte mittlerweile einen recht reizvollen Eindruck. Hätte er wenigsten noch seine Pistole gehabt, könnte er versuchen etwas größeres damit zu erlegen. Doch diese wurde ihm ja leider bei einem Handgemenge in einer der Hafenspelunken Tortugas abgenommen und er war viel zu betrunken gewesen, um sich anständig zur Wehr setzen zu können.
Mit seinem Degen erlegte Norrington ein paar Echsen, die ahnungslos und träge von der warmen Nachmittagssonne an Bäumen hinaufkrochen oder sich unter Blättern zu verstecken suchten. Auch ein paar Frösche, Mäuse und Insekten landeten auf seinem Speiseplan. Unter einem Busch fand er sogar einen verendeten Vogel. Das Tier konnte noch nicht lange Tod sein. Auf den ersten Blick waren zumindest keine Verwesungsspuren auszumachen. Also landete auch dieser in dem Blecheimer, in dem er seine Beute sammelte. So ging die Jagd noch eine Weile weiter, bis er zu seinem Lager zurückkehrte. Dort füllte er den Flachmann und die alte Kanne an der Quelle mit Wasser, stellte beide Gefäße in die leere Kiste, kippte den Inhalt seines Blecheimers gleich hinterher und füllt den nun ebenfalls leeren Eimer auch noch mit Wasser. Damit sollte er ein Weilchen auskommen, auch wenn das schon fast zu optimistisch gedacht war.
Die Sonne neigte sich langsam aber sicher dem Horizont entgegen. Wenn Norrington heute noch etwas erreichen wollte, musste er sich sputen. Nachdenklich betrachtete er die simple Treppenkonstruktion der alten Ruine. Wenn er die Bretter irgendwie abmontieren konnte, würden sie hervorragende Planken für sein Floß abgeben. Zumindest diejenigen, die noch nicht zu verrottet waren. Vorsichtig balancierte er die Stufen hinauf, geriet kurz ins Straucheln, als ein durch die herabstürzende Glocke in Mitleidenschaft gezogenes Brett unter ihm nachgab, fing sich aber wieder. Auf halber Höhe der Treppe angekommen, ließ er sich auf die Knie sinken, zog seinen Degen und versuchte, ein Brett nach dem anderen aus seiner Befestigung zu hebeln. Es kostete Norrington einige Mühe, dies zu bewerkstelligen, denn so wackelig die Angelegenheit auch aussah, war sie doch stabiler, als man vermuten mochte. Der Schweiß rann ihm in Strömen über den Rücken, aber er gab nicht auf. Der Mut der Verzweiflung ließ ihn weitermachen und er rackerte sich ab bis er genug Planken beisammen hatte. Müde steckte er seinen nun etwas lädierten Degen weg, setzte sich einen Augenblick auf den Boden, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand, schloß die Augen und Rang nach Luft. Die drückende Luft machte ihm zusätzlich zu schaffen und er gönnte sich einen kurzen Augenblick der Ruhe. Sein Kopf dröhnte und er hatte immer noch nichts gegessen. Norrington blieb noch einen kurzen Moment sitzen, rappelte sich dann unwillig auf und bediente sich an seiner Jagdbeute. Er rümpfte zwar etwas angewidert die Nase bei dem Anblick der dicken Heuschrecke, die er da in der Hand hielt, kniff dann aber fest die Augen zusammen, schob sich das tote Insekt in den Mund, kaute eine Weile darauf herum und spülte es dann mit einem Schluck Wasser herunter. Er schüttelte sich kurz, verzog das Gesicht und entschied, dass er doch noch nicht hungrig genug war, um weitere Experimente zu machen.
Wieder einigermaßen zu Atem gekommen, machte er sich nun daran, die Planken auf den Platz vor der Ruine zu schaffen und die Bretter mit seinem Seil zusammen zu zurren. Mithilfe eines scharfkantigen Steines hieb er ein Loch in die Mitte seines sehr provisorischen Floßes, zweckentfremdete eines der Kreuze auf dem Friedhof und befestigte es als Mast in dem Loch. Das sah doch schon ganz gut aus. Und die Zeit war auf seiner Seite. Noch vor Sonnenuntergang vollendete er sein abenteuerliches Werk und konnte sich für den Rest der Nacht eine wohl verdiente Pause gönnen. Was für ein Tag.

Die Dunkelheit brach über der Isla Cruz herein und mit Ihr die Kälte der karibischen Nächte. Norrington zog seine zerschlissenen Uniformjacke fester um sich, konnte aber ein leichtes Frösteln nicht unterdrücken. Ein Feuer wäre jetzt genau das richtige. Das würde ihn die Nacht über warm halten und er konnte sich den verendeten Vogel in den Flammen braten. Dann wäre das Tier vielleicht etwas genießbarer. Müde machte er noch einmal einen Rundgang um das alte Gemäuer und sammelte ein paar trockene Äste, schichte diese auf einen Haufen und überlegte angestrengt, wie er nun ein kleines Feuerchen machen konnte. Zündhölzer hatte er nicht bei sich, also musste er es auf die altmodische Art versuchen. Er nahm sich zwei dünne Äste aus dem Haufen und rieb diese fest an einander. Doch das einzige, was er damit erreichte, war, dass der eine Ast mit einem leisen knacken zerbrach. Frustriert warf er die beiden Hölzer zurück zu den anderen und probierte sich an zwei stabiler wirkenden Ästen. Gleiche Prozedur, nur das Ergebnis variierte. Dieses mal geschah.... nichts. Absolut rein gar nichts. Auch nach duzenden Stoßgebeten gen Himmel wollte einfach kein Feuer entstehen. Wild fluchend schleuderte er die Äste quer durch die Ruine und ließ den kleinen Holzhaufen mit einem gezielten Tritt durch die Luft wirbeln. Wärmer wurde es dadurch zwar auch nicht, aber er hatte seine Genugtuung. Seufzend ließ er sich gegen das kalte Mauerwerk sinken und kauerte sich auf den Boden zusammen. Das fahle Licht des aufgehenden Mondes warf bizarre Schatten und Norrington wünschte sich einmal mehr ganz weit weg. Am liebsten natürlich zurück nach Port Royal. Ach ja, Port Royal. Da war die Welt noch in Ordnung, dachte er wehmütig. Obwohl, wenn er es sich recht überlegte, war mit Becketts Auftauchen dort auch alles aus den Fugen geraten. Er schloss die Augen und gab sich seinen trüben Gedanken hin. Die Kälte kroch ihm unerbittlich in die Glieder und ließ ihn zittern. Die Zeit schlich dahin und der Schlaf wollte sich einfach nicht einstellen. Wie es wohl Elizabeth erging? Ging es ihr gut? Würde Turner auf sie aufpassen? Er traute diesem kleinen Frettchen eigentlich nicht mal zu, dass er sich vernünftig die Schuhe binden konnte. Der Gedanke an die beiden versetze ihm immer noch einen Stich ins Herz, obwohl er sich eigentlich krampfhaft einzureden versuchte, mit der Sache abgeschlossen zu haben. Elizabeth hätte es bei ihm doch so viel besser gehabt, als bei diesem nichtsnutzigen Schmied. Und er liebte sie immer noch, egal wie sehr er sich bemühte, sie zu vergessen. Verbittert hing er seinen Gedanken nach, bis ihn der Schlaf gnädiger Weise endlich übermannte und ihn unruhigen Träumen auslieferte.

Die Morgensonne stand bereits am Himmel, als Norrington wieder erwachte. Er fühlte sich furchtbar. Jeder einzelne Knochen tat ihm weh, sein Magen schmerzte vor Hunger, seine Kehle war ausgetrocknet und sein Schädel schien platzen zu wollen. Stöhnend rappelte er sich auf und streckte sich gähnend. Er schleppte sich zu der kleinen Quelle vor der Ruine, trank ein paar Schlucke und wusch sich dann das Gesicht, um etwas klar im Kopf zu werden. Das Wasser war klar und kalt und verfehlte seine Wirkung nicht. Norrington sammelte sich langsam und entschied, dass es nun endgültig an der Zeit war, seinen Ekel zu überwinden und tat sich an seiner Beute gütlich. Es war wirklich widerlich, aber der Hunger trieb es hinein. Er rupfte den toten Vogel und verspeiste das Tier, so wie es war, spülte reichlich Wasser hinterher und fühlte sich langsam besser. Seine Kräfte kehrten zurück und er beschloss, sein Floß noch an diesen Morgen zu Wasser zu lassen.
Norrington entledigte sich seines Hemdes und knotete es an den provisorischen Mast des Floßes. Das gute Stück war schon sehr lädiert und der Stoff wies einige Löcher auf, aber es würde schon als Segel reichen. Er begutachtete sein Werk. Eigentlich müssten ein paar Lücken ausgebessert werden. Das würde sich zwar mit Baumharz erledigen lassen, aber der Aufwand war ihm einfach zu groß und ihm fehlte es schlichtweg an der nötigen Geduld. Außerdem sollte ihn das Floß nur bis zum Festland bringen und nicht ein Leben lang halten. Nun musste er es nur noch zum Strand schaffen. Die Konstruktion erwies sich als ausgesprochen sperrig und schwer. Tragen konnte er es nicht, also musste er es irgendwie hinter sich her ziehen. Das erwies sich als alles andere als leicht bei dem unebenen Erdboden, aber es ging. Er pflügte zwar den haben Friedhof um und hinterließ eine breite Schleifspur der Verwüstung, aber die Toten unter der Erde würde das nun auch nicht mehr stören.
Norrington zerrte das Floß bis an den Strand hinab, brachte es aber noch nicht ganz ans Wasser, da er noch einmal in sein Lager zurückkehren musste, um seinen Proviant zu holen. Die Freiheit rief und spornte ihn zur Eile an. Zwei mal musste er hin und her laufen, um auch wirklich alles an den Strand zu schaffen. Beim ersten Gang nahm er die Kiste und die 2 Schaufeln mit sich, legte alles auf das Boot und sicherte die Gegenstände mit dem letzten Rest des Glockenseiles. Beim zweiten Gang folgte der Wassereimer. Er gab sich die größte Mühe, keinen Tropfen des kostbaren Nasses zu verschütten. Wer wusste schon, wie lange er damit auskommen musste. Als alles verstaut war, ließ er das Floß zu Wasser, kletterte auf die Planken, drehte das Hemd-Segel in den Wind und kramte in der Kiste nach dem Kompass. Angestrengt versuchte er aus dem Kopf heraus eine Seekarte zu rekonstruieren. Wenn er sich süd-östlich hielt, müsste er früher oder später aufs Festland stoßen. Er steckte den Kompass griffbereit in seine Jackentasche, nahm eine Schaufel zur Hand und begann zu rudern. Die kleine Insel rückte in immer weitere Ferne. Es ging langsam voran, aber der Wind stand günstig.
Stunden vergingen und Norrington taten allmählich die Arme weh von der Anstrengung. Die Insel war nicht mehr zu sehen. Ringsum nur Wasser, wohin das Auge reichte. In ihm keimten die ersten Zweifel auf, ob dieses Unterfangen wirklich so klug war und er nicht doch besser gewartet hätte, bis ein Schiff an der Isla Cruz vorbei käme. Aber diese Überlegung kam nun leider zu spät. Die Strömung machte es ihm nicht gerade leichter, auf Kurs zu bleiben. Ein Ruder zum Gegensteuern hatte er nicht, also musste er all seine Kraft ins Paddeln legen und eben jene Kraft ging ihm langsam aus. Die Sonne brannte unerbittlich auf ihn nieder und versengte ihm die Haut. Den Flachmann hatte er nun bereits schon zum fünften mal im Wassereimer aufgefüllt und musste sich langsam zusammenreißen, seinen Vorrat nicht gleich am ersten Tag zu verbrauchen. Um Kraft zu sparen, ließ er das Floß eine Weile treiben, blickte immer wieder besorgt auf seinen Kompass und kam doch nicht umhin, wieder und wieder mit dem provisorischen Paddel den Kurs zu korrigieren. Norrington biss die Zähne zusammen. So wollte er nicht enden. Nicht bevor er seine Rache an Sparrow gehabt hatte. Mit eisernem Willen zwang er sich zum Weitermachen.
Weitere Stunden gingen dahin und er hatte das Gefühl, kein Stück vorangekommen zu sein. Sein Zeitgefühl hatte er mittlerweile zur Gänze eingebüßt. Seine Arme schmerzten schrecklich von der Anstrengung und ihm war schwindelig von der Hitze. Um bei Sinnen zu bleiben spritze er sich immer wieder etwas Meerwasser ins Gesicht. Das Salz brannte auf seiner Haut und verklebte sein ohnehin völlig zerzaustes Haar. Er musste schrecklich aussehen, von dem Gestank seines Schweißes und dem Dreck der seit Tagen an seinen Kleidern klebte ganz zu schweigen.
Er heftete den Blick auf den Horizont, in der Hoffnung, dort Land entdecken zu können oder wenigstens die Segel eines Schiffes. Aber nichts. Nichts außer Wasser, Wasser und noch mehr Wasser. Bemüht, nicht die Orientierung zu verlieren paddelte er unermüdlich weiter. Sein Kampfgeist und sein Überlebenswille waren nach wie vor ungebrochen.
Der Tag neigte sich langsam seinem Ende entgegen, als der Wind plötzlich stärker wurde. Das Hemd blähte sich auf und die Wellen wurden unruhiger. Norrington legte besorgt die Stirn in Falten und sah zum Himmel hinauf, der sich schlagartig verdunkelte, was eindeutig nicht an der aufkommenden Dämmerung lag. Ein Unwetter. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Es dauerte nicht lange und der Wind nahm orkanähnliche Ausmaße an. Norrington klammerte sich an den Mast seines Floßes, welches wie ein Spielball von den Wellen hin und her geworfen wurde. Die Kiste war schon lange hinfort gespült worden, genau wie sein Trinkwasser und die beiden Schaufeln. Sein Segel wehte nur noch in Fetzen im Wind und er bangte um sein Leben. Wie lange konnte er sich noch festklammern? Wie lange würde das Floß diesen Strapazen standhalten? In Gedanken flehte er zu Gott, er möge ein letztes mal gnädig mit ihm sein. Doch offensichtlich stieß er auf taube Ohren. Ein gewaltiger Brecher zerschmetterte das kleine Floß. Norrington wurde von der Welle mitrissen und verlor für einen kurzen Augenblick das Gefühl für oben und unten. Er strampelte aus Leibeskräften und schaffte es mit Müh und Not an die Wasseroberfläche, packte eine Planke, die gerade an ihm vorbei schoss und klammerte sich daran so fest er nur konnte. Er prustete und schluckte Unmengen des salzigen Wassers. Es brannte in seinen Augen und rauschte in seinen Ohren. Das durfte nicht sein Ende sein! Er kämpfte wie besessen um sein Leben und die kleine Stimme in seinem inneren schrie immer wieder gen Himmel um Gnade. Elizabeth! Der Gedanke an diese Frau schoss ihm durch den Kopf. Bevor er starb wollte er sie noch einmal sehen. Nur noch ein einziges mal! Doch das Meer kannte keine Gnade. Der Sturm tobte unerbittlich weiter und zerrte an seinen Kräften. Die durchnässte Kleidung wurde immer schwerer und schwerer und drohte ihn wie einen Stein auf den Grund des Meeresbodens zu ziehen. Er konzentrierte sich auf das Holzbrett an dem sein Leben hing und ignorierte die Splitter die sich schmerzhaft in sein Fleisch bohrten. Immer wieder schlug das Wasser über seinem Kopf zusammen. Sekunden fühlten sich an wie Stunden. Und als Norrington schon glaubte, seinen Kampf endgültig zu verlieren, ließ der Wind nach, die Wogen glätteten sich und alles war so plötzlich vorbei, wie das begonnen hatte. Mit letzter Kraft zog er sich halb auf die Planke und ließ sich erschöpft treiben. Er rang nach Atem. Sein Körper bestand nur noch aus Schmerz und Übelkeit. Und bevor er noch einen klaren Gedanken fassen konnte, verlor er das Bewusstsein.

Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als ihn Stimmen wieder ins Bewusstsein riefen. Stimmen? Mühsam hob er den Kopf und sah eine riesige Galeone direkt vor sich. Einen Moment konnte er mit dem Fluss an Informationen rein gar nichts anfangen. Doch dann dämmerte es ihm. Er war gerettet! Das Gewirr der Stimmen über ihm klärte sich langsam und ergab plötzlich einen Sinn. Jemand rief immer wieder aufgeregt :“Mann über Bord!“ Sein Blick, erst noch verschwommen und undeutlich, richtete sich auf die Flagge des Schiffes und er erkannte das Banner der East India Trading Company. Ein Stein fiel ihm vom Herzen. In seinem ganzen Leben war er noch nie so erleichtert, wie in diesem Moment.
Ein Beiboot wurde zu Wasser gelassen und kam auf ihn zu. Starke Arme griffen nach ihm und zogen ihn ins Trockene. Mühsam stemmte er sich hoch, beugte sich über den Rand des kleinen Bootes und erbrach einen Schwall Salzwasser. Jemand klopfte ihm auf den Rücken und redete ihm aufmunternd zu. Schwankend und schaukelnd wurde das Beiboot zurück auf die Galeone gezogen und zwei Männer in Matrosenuniform halfen ihm beim Aussteigen. An Deck wagte er ein paar wackelige Schritte allein, kam aber nicht. Seine Beine versagten ihm den Dienst und er brach auf seine Knie zusammen. Schwere Schritte näherten sich ihm und Norrington hob den Kopf. Im gleißenden Licht der Sonne sah er einen Mann vor sich stehen, welcher nach der Uniform zu urteilen der Captain dieses Schiffes sein musste.
„Ah, wir haben einen Gast“, tönte der Mann mit lauter spöttischer Stimme. Er beugte sich zu Norrington hinab und sah ihm forschend ins Gesicht.
„Oh, und dann auch noch eine so hohe Persönlichkeit. Willkommen, Commodore Norrington!”
Norrington seufzte auf. „Ehemaliger Commodore. So viel Zeit muß sein.“

Kapitel 2: Seemannsgarn

Ah, Port Royal! Was für eine herrliche Stadt. Als Norrington über die Planke das Schiff seiner Retter verließ und sich am Kai des Hafens umsah, fühlte er sich wie im Himmel. Wie lange war er nicht mehr in seiner geliebten Stadt, seiner Wahlheimat auf Jamaika gewesen? Wochen? Oder waren es schon Monate? Ja, wenn er es sich recht überlegte, waren schon mehr als 6 Monate vergangen. Und nichts hatte sich verändert, sah man mal von dem Übermaß an Schiffen der East India Trading Company ab.
Norrington ließ seinen Blick über das bunte Treiben im Hafen schweifen. Die Sonne lachte an einem strahlend blauen Himmel. Zahllose Händler und ehrbare Seeleute drängten geschäftig die Stege entlang. Der Vertreter der Hafenkommandantur hatte alle Hände voll zu tun, die Liegegelder einzutreiben und beachtete ihn gar nicht weiter. Norrington atmete die klare Luft tief ein und ließ all diese Eindrücke auf sich wirken. Endlich wieder zu Hause. Endlich rückte seine Welt wieder ins rechte Lot. So hoffte er jedenfalls.
Hinter sich hörte er die schweren Schritte des Captains der „Splendour of the Seas“, so der Name des Schiffes, dass ihn auf offener See aufgegabelt hatte. Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter und der Captain polterte mit lauter Stimme: “Mr. Norrington, wo hin so eilig? Ihr wollt uns doch nicht etwa schon verlassen oder?“ Er lachte dröhnend und hielt Norrington weiterhin an der Schulter fest. „Glaubt nicht, dass ich es mir nehmen lasse, Euch persönlich zu Lord Beckett zu bringen. Auf Euren Kopf ist ein hübsches Sümmchen ausgesetzt. „
Noch bevor Norrington reagieren konnte, hörte er das vertraute klicken eines Hahnes der gerade gespannt wurde. Der Captain drückte ihm den Lauf seiner Pistole unsanft in den Rücken und raunte ihm ins Ohr: „Ich rate Euch an, jetzt nichts unüberlegtes zu tun. Ob ich Euch Tod oder lebendig abliefere, ist letztlich egal. Wenn ich also höflichst bitten darf. Hände auf den Rücken und stillhalten.“
Norrington seufzte resigniert und tat wie ihm geheißen. Es wäre ja auch zu schön um wahr zu sein gewesen, wenn er einfach so davon gekommen wäre. Anstandslos legte er die Hände auf den Rücken und ließ sich wortlos von einem Matrosen der „Splendour of the Seas“ Handfesseln anlegen.

Mit dem Lauf der Pistole im Rücken wurde Norrington zum Amtssitz des Gouverneurs von Port Royal und nebenbei bemerkt auch seinem eigenen ehemaligen Amtssitz Fort Charles gebracht. Die Festung wurde stark bewacht. Stärker als zu seiner Zeit als Commodore. Was hatte Beckett zu verbergen? Oder fürchtete er sich gar vor etwas oder jemandem? Nun, das konnte man ihm im Grunde auch nicht verdenken. Mit seinem plötzlichen und doch etwas unkonventionellen Auftauchen hier in der Stadt hatte er sich mit Sicherheit nicht viele Freunde gemacht. Norrington selbst zählte sich zumindest nicht zum erlauchten Kreis der Freunde Becketts, wusste jedoch sehr wohl, dass er derzeit nicht in der Position war, Seine Lordschaft dies auch spüren zu lassen.

Vor den Toren von Fort Charles angekommen, wies ihn der Kapitän an, stehen zu bleiben und keinen Mucks von sich zu geben. Schweigend warf Norrington einen Blick auf die zwei wachhabenden Soldaten, die ihn neugierig musterten und scheinbar erkannten, wen sie da vor sich hatten. Der Kapitän trat zu den beiden vor und erhob das Wort: „Meine Herren, es ist zwingend notwendig, dass ich bei Lord Beckett vorspreche. Ich habe einen Mann in meiner Begleitung, der steckbrieflich gesucht wird.“ Er deutete mit einen kurzen Kopfnicken auf Norrington. „Und wie ich hörte, steht mir für diesen Fang dort ein ordentliches Preisgeld zu.“ Er grinste breit und rieb sich die Hände. Norrington rollte mit den Augen und wartete auf die Dinge, die da kommen mochten. Die beiden Soldaten wechselten kurze Blicke. Der ein sah noch einmal skeptisch zu Norrington und entgegnete:“ Nun Sir, Lord Beckett ist ein viel beschäftigter Mann. Aber ich werde sehen, was sich machen lässt.“ Der Soldat deutete eine kurze Verbeugung an und verschwand dann im Fort.
Minuten vergingen und der Kapitän trat ungeduldig von einem Bein aufs andere. Dabei ließ er Norrington keine Sekunde aus den Augen, die Pistole jederzeit schussbereit auf ihn gerichtet. Weitere Minuten vergingen quälend langsam bis der Soldat in Begleitung eines wenig vertrauenserweckenden Herren zurückkehrte. Norrington musterte verstohlen den Neuankömmling, dessen Gesicht er hier noch nie zuvor gesehen hatte. Der Mann hatte langes zu einem Zopf zurück gebundenes schwarzes Haar, narbige Haut, einen verschlagenen Blick und die harten Züge um seinen Mund machten ihn nicht gerade sympathischer. Norrington schätzte, dass der Fremde wohl Mitte 40 sein musste und das man sich vor diesem Zeitgenossen in Acht nehmen sollte, wenn einem sein Leben lieb war. Der Fremde musterte die kleine Gesellschaft vor dem Tor und drückte dem Kapitän einen Lederbeutel, der zweifelsohne prall mit Münzen gefüllt war, in die Hand. „Sehr schön, das Kopfgeld ist Euer, aber habt Ihr Eure eigentliche Aufgabe erfüllt und …“, Mercer machte eine kurze Pause und sah den Kapitän eindringlich an, “… Ihr wisst schon gefunden?“ Der Kapitän schüttelte verlegen den Kopf: “Nein Sir, habe wir nicht Sir. Aber wir haben wirklich überall gesucht! Ich schwöre es bei Gott“, versuchte er seine Haut zu retten. Mercer seufzte und machte eine ungeduldige Geste, die besagte, dass der Kapitän nun schnellstens verschwinden sollte, wenn er keinen Ärger provozieren wollte. Der Mann zögerte kurz, beschloss dann aber, dass es wohl das beste für ihn wäre, seiner Wege zu ziehen, schob den Beutel in seine Jackentasche, steckte die Pistole weg, warf noch einen grinsenden Blick zu Norrington und verschwand.

Der Fremde trat auf Norrington zu, musterte ihn von oben bis unten und wand sich dann zu dem Soldaten um, der ihn hier her begleitet hatte. „Durchsucht ihn und nehmt dem Mann die Fesseln ab. Ich denke, dass wird nicht weiter nötig sein, oder Mr. Norrington? Ihr werdet doch sicher keinen Ärger machen.“ Der Fremde bedachte Norrington mit einem kurzen Blick über die Schulter. Norrington nickte nur knapp: “Selbstverständlich wird das nicht nötig sein. Ich möchte nur mit Lord Beckett sprechen. Ich habe etwas in meinem Besitz, dass ihn interessieren dürfte. Außerdem fordere ich das hier ein!“ Er versuchte trotz enormer Anspannung seine Stimme so fest wie möglich klingen zu lassen und zog den ledergebundenen Umschlag aus seiner Jackentasche, dessen Inhalt der Kaperbrief war, den er Sparrow vor kurzem gestohlen hatte.
Mercer drehte sich ruckartig wieder zu Norrington um, als er seine Worte hörte und blickte auf den Gegenstand in seiner Hand. „Was ist das?“, verlangte er zu wissen. Norrington hielt ihm den Umschlag entgegen: „Seht doch selbst.“ Mercer streckte zögernd die Hand aus und nahm ihm den Umschlag ab. Ein Blick auf das ins Leder geprägte Siegel der East India Trading Company ließ ihn erahnen, worum es sich hier handeln mochte. Er behielt den Umschlag bei sich, drehte sich wieder um und murmelte“ „Gut gut, wir werden sehen, ob der Lord überhaupt mit Euch reden will. Mr. Gacy, nehmt dem Mann auch seinen Degen ab. Wir wollen ja kein unnötiges Risiko eingehen.“
Mit diesen Worten ging der Fremde vor durch das Tor in die Festung. Der Soldat namens Gacy tat wie ihm geheißen, nahm Norrington die Handfesseln ab und sah ihn etwas unsicher an: „Sir, darf ich um Euren Degen bitten?“ Norrington hob eine Augenbraue. Der Soldat war merklich nervös. Es war offensichtlich, dass es ihm ziemlich unangenehm war, so mit seinem ehemaligen Vorgesetzten umspringen zu müssen. Norrington beschloss, es dem armen Kerl nicht all zu schwer zu machen und händigte ihm wort- und widerstandslos seinen Degen aus. Gacy packte ihn am Arm und führte ihn mit sich, dem Fremden hinterher. Es ging durch enge Flure um Hunderte von Ecken von denen Norrington alle in und auswendig kannte. Ein wehmütiges Gefühl überkam ihn, als er sich in seinem alten Amtssitz umsah und mit einer Mischung aus Erstaunen und Ungläubigkeit von den wachhabenden Soldaten angestarrt wurde, deren Weg sie kreuzten.

Vor einer schweren Eichentür endete ihr Weg. Das Amtszimmer des Gouverneurs von Port Royal. Doch Norrington war schon bevor die Tür geöffnet wurde klar, dass sich hinter der Tür kein Gouverneur Swann befinden würde. Der Fremde öffnete die Eichentür, machte ein Handbewegung, welche besagte, dass Gacy erst einmal hier mit Norrington warten solle und betrat das Büro. Doch Norrington weigerte sich, sich so einfach abspeisen zu lassen und ging ihm entschlossen hinterher unter leisem Fluchen und Flehen des armen Soldaten, der ihn immer noch am Arm hielt. Der arme Kerl wusste sich nicht anders zu helfen, ließe Norrington kurz los, griff nach seinem Gewehr und hielt ihm den Lauf unter die Nase. Diesem schlagenden Argument hatte Norrington nichts entgegen zu setzen und blieb im Türrahmen stehen.
Der Fremde trat an den wuchtigen Schreibtisch, hinter dem der kleine Beckett fast verschwand. Wäre die Situation nicht so ernst gewesen, hätte sich Norrington, der selbst von recht stattlicher Größe war, ein Grinsen nicht nehmen lassen. Doch in diesem Moment biss er sich lieber auf die Zunge und verzog keine Miene. Beckett sah zu dem Fremden auf und hatte die beiden Personen an der Tür scheinbar noch gar nicht bemerkt.
„Mr. Mercer, ich hoffe, Ihr habt einen guten Grund für die Störung. Ich bin beschäftigt.“
Nun war zumindest schon einmal klar, dass dieser Mr. Mercer nichts von Norringtons Ankunft hier in Port Royal weitergeleitet hatte. Offensichtlich wollte der Mann sich profilieren und die Lorbeeren für Norringtons Ergreifung höchstpersönlich einheimsen. Er baute sich wichtig vor dem Schreibtisch auf und sprach mit überheblicher Stimme: „Das letzte unserer Schiffe ist zurückgekehrt.“ Mit diesem Satz hatte er Becketts volle Aufmerksamkeit. Er sah Mercer finster an: “Irgendetwas Neues von der Truhe?“ Mercer schüttelte kurz den Kopf „Nichts.“ Er machte eine theatralische Pause und fuhr dann langsam fort: “Aber eines der Schiffe einen Mann aus dem Meer gefischt.“ Mercer trat noch etwas dichter an den Schreibtisch heran und hob den ledergebundenen Umschlag mit dem Kaperbrief in die Höhe, beobachtete Becketts Reaktion und als dieser seinen Blick irritiert auf das Dokument heftete, ließ er es klatschend auf den Tisch fallen. Beckett nahm den Umschlag an sich, entfernte das Lederband mit dem der Umschlag zusammen gehalten wurde und erkannte sofort seine eigene Handschrift wieder.
Nun konnte Norrington nicht mehr an sich halten und erhob das Wort: “Ich war so frei, meinen Namen einzutragen.“ Alle Blicke richteten sich auf ihn. Beckett lächelte süffisant und machte eine gönnerhafte Geste mit dem Finger, die Norrington bedeutete, er solle vortreten.
Norrington befreite sich mit einem energischen Ruck aus dem Griff des Soldaten und bedachte ihn mit einem genervten Blick. Dieser ließ ihn nur all zu bereitwillig los, deutete eine kurze Verbeugung in Becketts Richtung an und verließ das Amtszimmer. Norrington sah dem jungen Man kurz nach, bevor er sich wieder Beckett zu wand und an den Schreibtisch herantrat. Dieser hatte den Blick nun auf ihn geheftet und zischte ihn an: “Wenn Ihr beabsichtig, das hier einzufordern, verlange ich etwas dafür. Habt Ihr den Kompass?“ Norrington musste grinsen: “Besser.“, entgegnete er gelassen. Er ließ einen triefend nassen Beutel auf Becketts Schreibtisch fallen, in dem es seltsam zuckte und pochte. Beckett starrte fasziniert und überrascht zu gleich auf den Beutel. “ Das Herz von Davy Jones.“, verkündete Norrington mit ruhiger Stimme. Beckett riss seinen Blick von dem Beutel los und starrte nun Norrington mit stummer Faszination an. Er deutete mit der Hand auf einen Stuhl und Norrington interpretierte aus dem fassungslosen Schweigen, dass er sich setzen solle. Becketts Blick wanderte zu Mercer. „Lasst uns allein.“, befahl er mit rauer Stimme. Mercer wollte etwas einwenden, machte dann aber unwillig auf dem Absatz kehrt und verließ den Raum. Norrington zog sich den Stuhl heran und nahm Beckett gegenüber Platz. Dieser hatte seine Aufmerksamkeit wieder auf den Beutel gerichtet, schnürte ihn mit spitzen Fingern auf, beugte sich über die Öffnung und verzog angeekelt das Gesicht. „Das ist ja... das ist ja großartig! Mr. Norrington, wie habt Ihr das zu Wege gebracht?“ Norrington winkte ab. "Es war weniger spektakulär, als Ihr glaubt. Ihr wäret enttäuscht von dieser Geschichte. Also nehmt den glücklichen Umstand, das Herz nun in Eurem Besitz zu wissen einfach hin und..", er deutete auf den Kaperbrief: "..vergesst nicht, wem Ihr dies verdankt."
Beckett betrachtete das zuckende Herz nachdenklich. "Wisst Ihr, Mr. Norrington, ich denke, dass ich Euch diesen Kaperbrief nicht bewilligen werde." Beckett hob beschwichtigend die Hand, als Norrington gerade empört protestieren wollte. "Lasst mich ausreden, mein Freund. Ich denke nicht, dass jemand wie Ihr, ein Mann von Ehre, mit dem niederen Leben eines Freibeuters glücklich werden würde." Beckett grinste verschlagen. "Ich glaube eher, dass Ihr Euch zurück in den Dienst der Royal Navy sehnt, habe ich nicht recht?"
Als Norrington nickte, fuhr Beckett fort: "Nun, ich könnte das eventuell arrangieren. Ihr habt der East India Trading Company einen großen Dienst erwiesen und ich will mich nur all zu gern erkenntlich zeigen. Allerdings nur unter Zusicherung Eurer Treue! Dann würde ich mich sogar dazu hinreißen lassen, eine Beförderung Eurer Person in die Wege zu leiten. Wie klingt das in Euren Ohren, Admiral Norrington?" Becketts grinsen wurde noch breiter, als er Norringtons verblüfften Gesichtsausdruck sah. Er ließ die Worte einen Augeblick auf Norrington wirken bevor er fortfuhr: “Wie gesagt, bestehe ich auf die Zusicherung Eurer Treue zur East India Trading Company. Das heißt für Euch, dass Ihr selbstverständlich unter meinem Befehl steht. Und ich hätte da auch schon ein paar kleine Aufgaben für Euch.“ Beckett faltete seine Hände auf dem Schreibtisch und sah Norrington abwartend an. „Nun? Was sagt Ihr zu meinem Angebot?“

In Norringtons Kopf arbeitete es wie wild. Selbstredend war es sein größter Wunsch, wieder einen Posten in der Royal Navy zu übernehmen. Die Royal Navy war sein Lebenstraum. Und dann auch noch eine Beförderung zum Admiral! Als Commodore zu Land hatte er schon große Autorität besessen. Immerhin unterstanden ihm mit diesem Rang die gesamte Festung Port Royals, sowie sämtliche in diesem Hafen beheimateten Kriegsschiffe. Als Admiral würde er noch dazu eine eigene Flagge bekommen, wäre berechtigt die jungen Offiziere mit auszubilden und hätte volle Entscheidungsfreiheit, was seine Flotte anbelangt. Ganz davon abgesehen, dass seine Entlohnung wesentlich üppiger ausfallen würde. Angefangen bei seinem festen Sold bis hin zu den 12,5% Prisengeld all seiner Schiffe. Er konnte dieses Angebot unmöglich ausschlagen, egal, wie viele Haken an der Sache sein mochten. Beckett hatte mit seiner Einschätzung, dass Norrington ein Leben als Freibeuter nicht sonderlich erstrebenwert fand, vollkommen recht. Nach kurzem Zögern nickte er bedächtig. "Ich willige ein. Tut was Ihr tun müsst, nur bringt mich zurück in die Navy."
Beckett lächelte und sah dabei aus, wie die Schlange vor einem Kaninchenbau. "Wunderbar, Mr. Norrington.. Oh verzeiht! Admiral Norrington. Ich werde alles in die Wege leiten und Euch in den nächsten Tagen mitteilen, welche Aufgaben Ihr zu erfüllen habt."
Beckett stand auf und ging um den Schreibtisch herum zu einer Kommode. Dort nahm er einen hölzernen Kasten heraus, auf dessen Deckel das Siegel der East India Trading Company eingeschnitzt war. Er nahm den Kasten mit zu seinem Schreibtisch, stellte ihn auf die Tischplatte und nahm mit spitzen Fingern und angewidertem Gesichtsausdruck das Herz aus dem Beutel und verstaute es in dem Kasten. Dann wischte er sich die Finger mit einem Schnupftuch ab und wand sich wieder Norrington zu. "Ich habe im übrigen noch etwas, das Euch gehört. Ich denke, es ist in Eurem Sinne, wenn ich es Euch wiedergebe." Er deutete auf eine längliche Schachtel, die auf einem kleinen Tisch nahe der Weltkarte, die ein Kartograph an die Wand des Arbeitszimmers malte, lag. "Nur keine Scheu. Nehmt es Euch. Ich habe keine Verwendung dafür, auch wenn es eine sehr schöne Arbeit ist." Mit diesen Worten setzte er sich wieder an seinen Platz.
Norrington stand zögernd auf und betrachtete nachdenklich die Schachtel. War das etwa... ? Langsam öffnete er die Schachtel und blickte auf einen liebevoll gearbeiteten Degen. Der Degen, den Gouverneur Swann ihm zu seiner Beförderung zum Commodore geschenkt hatte. Der Degen, den sein Widersacher um Elizabeth Herz, William Turner, angefertigt hatte. Bedächtig nahm er die Waffe an sich, hielt sie in die Höhe und betrachtete die scharfe Klinge. Ja, das war die richtige Waffe, um sowohl Sparrow als auch Turner den Gar aus zu machen. Was wäre das für eine herrliche Ironie des Schicksals! Er schob den Degen in seinen Gurt und wand sich wieder Beckett zu. Er deutete eine leichte Verbeugung an und bedankte sich für die Aufbewahrung seiner Habe. Beckett winkte ab und deutete mit einer ungeduldigen Handbewegung auf den freien Stuhl. "Setzt Euch. Ich habe da noch eine Frage."
Norrington tat wie ihm geheißen und nahm wieder Platz.
„Eines müsst Ihr mir noch verraten, bevor ich Euch für heute entlasse. Was ist mit Euch und Eurer Crew geschehen, als Ihr Sparrow verfolgt habt und was zum Henker habt Ihr mit Eurem Schiff angestellt? Es ist spurlos verschwunden!“
Norrington schluckte, als Beckett das seiner Meinung nach, dunkelste Kapitel seiner jüngsten Vergangenheit ansprach. Er zögerte kurz, bevor er antwortete:“ Nun, das ist eine länger Geschichte.“
Beckett lehnte sich zurück, sah Norrington gelassen an und machte eine auffordernde Handbewegung: „Nur zu, ich habe Zeit.“ Norrington rutschte etwas unruhig auf seinem Stuhl hin und her und begann zu erzählen.

„Wie Ihr wisst, begann das ganze Unglück hier in Port Royal. Jack Sparrows Hinrichtung wurde durch das Eingreifen des jungen William Turner vereitelt. Es gelang meinen Männern zwar, Sparrow und Turner auf den Festungsgängen Fort Charles’ zu stellen, da ich schon ahnte, dass die Angelegenheit nicht reibungslos verlaufen würde. Doch keiner hatte mit dem Eingreifen von Elizabeth Swann, der Tochter des Gouverneurs gerechnet. Lange Rede, kurzer Sinn. Nach einer ausgesprochen unerfreulichen Diskussion floh Sparrow mit einem unfreiwilligen Sturz über die Mauern des Forts und fiel ins Meer, wo er von seiner Crew aufgelesen wurde. Es ist mir bis heute unbegreiflich, wie die Black Pearl unbemerkt in die Bucht von Port Royal einlaufen konnte.
Wie dem auch sei. Ich war unschlüssig, wie ich nun vorgehen sollte. Ich haderte mit mir und meinem Gewissen, ob ich Sparrows Schiff sofort mit Kanonengewalt den Gar ausmachen sollte. Dies war Gouverneur Swann, der an meiner Seite stand und das Verschwinden Sparrows beobachtete nicht entgangen und auf sein Anraten beging ich den wohl größten Fehler meines Lebens. Lasst mich nachdenken. Wie waren seine Worte doch gleich? Ach ja! „Vielleicht erfordert bei seltenen Gelegenheiten das Halten des richtigen Kurses einen Akt der Piraterie. Könnte die Piraterie selbst der richtige Kurs sein?“ Ich will Weatherby keinen Vorwurf machen. In den acht Jahren, die ich unter seinem Befehl diente, waren wir gute Freunde geworden und ich hatte mehr als einmal von seiner Erfahrung profitieren können. Nur dieses Mal hätte ich es besser wissen müssen als er.
Ich ließ Sparrow also ziehen und gewährte ihm eine Tag Vorsprung. Im Nachhinein muss ich zugeben, dass ich Sparrows Fähigkeiten unterschätzt und meine eigenen überschätzt habe. Diese Schuld kann ich nicht von mir weisen und die fatalen Folgen werden mir ein Leben lang anhaften.
Aber zurück zum Geschehen. Selbstverständlich ruhten wir uns nicht aus und warteten die Zeit bis zum nächsten Tage ab. Ich gab umgehend Anweisung die Dauntless für die Verfolgung vorzubereiten. Warum ich mich ausgerechnet für dieses Schiff entschied, ist einfach erklärt. Trotz ihres entscheidenden Nachteils, ihrer Langsamkeit, ist die Dauntless das größte und stärkste Kriegsschiff der hier stationierten Flotte. Die Black Pearl würde zwar durch Ihre Schnelligkeit einen enormen Vorsprung gewinnen, aber nur so lange der Wind mit ihr war. Sobald der Wind sich drehte, wäre die Stunde der Dauntless gekommen. Wir könnten mühelos aufholen und mit Ihrer Feuerkraft konnte die wesentlich kleinere Black Pearl niemals mithalten. Ich veranlasste also alles nötige. Proviant musste geladen werde und das nicht zu knapp, da keiner wusste, wie lang wir auf See bleiben würden. Selbiges galt für Waffen und Munition. Ein Schiffsarzt wurde benachrichtigt, der für den Notfall an Bord sein sollte und eine Mannschaft aus den besten Leuten, welche die Royal Navy zu bieten hatte wurde von mir persönlich zusammengestellt. Allen voran die beiden junge Leutnants Gillette und Groves, die mir schon seit meiner Zeit als Captain treu zur Seite standen. Beides gute Männer im Dienste der Krone, auch wenn Gillette manchmal etwas voreilige Schlüsse zog und durch seine Hang zur Überheblichkeit offensichtliche Zusammenhänge nicht immer erkannte. Groves hingegen betrachtete die Dinge mit einer Nüchternheit und Scharfsinnigkeit die ihresgleichen suchte. Er hatte eine große Karriere vor sich, da war ich mir absolut sicher.
Am Morgen des folgenden Tages bezogen die von mir auserwählten Offiziere, Soldaten und meine Wenigkeit Stellung auf dem Schiff. Der Gouverneur ließ es sich nicht nehmen, vor dem Auslaufen des Schiffes zum Hafen zu kommen und uns Glück und Erfolg zu wünschen. Ich hatte gehofft, dass seine Tochter vielleicht mit ihm kommen würde. Ich hätte sie gerne noch einmal gesehen, bevor ich für Tage, Wochen oder sogar Monate meine Heimat verließ. Aber sie kam nicht. Ließ mir nicht einmal eine Nachricht ausrichten. Gar nichts. Ich schluckte meine Bitterkeit herunter und entschuldigte sie in Gedanken damit, dass sie vielleicht gar nicht wusste, dass ich fort ging. Aber tief in meinem Inneren wusste ich natürlich, das ich mich selbst zum Narren hielt. Natürlich verschwendete sie keinen Gedanken an mich und lag gerade wahrscheinlich in den Armen dieses nichtsnutzigen Schmiedes.
Aber ich schweife schon wieder ab. Wir stachen also in den frühen Morgenstunden in See. Die vergangene Nacht hatte ich damit zugebracht, mir das Hirn zu zermartern, wohin die Black Pearl wohl unterwegs sein mochte. Das logischste Ziel schien fürs erste Tortuga, die Pirateninsel. Dort würden wir jedoch auffallen, wie bunte Hunde. Trotzdem beschloss ich, dass wir Kurs auf diese Insel nehmen. Sollten wir dort nicht fündig werden, würden wir jeden bekannten Piratenunterschlupf der Karibik auf den Kopf stellen. Da ahnte ich jedoch noch nicht, wie lang unsere Reise tatsächlich dauern würde. Aber das ist auch eine Geschichte für sich, die ich Euch wohl besser ein anderes mal erzähle, wenn es Euch denn interessiert. Ich will Eure Zeit nicht übergebühr in Anspruch nehmen.“

Norrington machte eine kurze Pause und sah Beckett erwartungsvoll an. Dieser nickte bedächtig: “Ich denke, Ihr werdet noch genug Gelegenheit haben, mir von Eurer Reise zu berichten aber nun kommt zum Punkt. Wie habt Ihr Eure Mannschaft und Euer Schiff verloren?“ Beckett beugte sich vor und fixierte Norrington mit festem Blick. Norrington nickte bedächtig und fuhr fort: „Also schön, wir waren bereits geschlagene 3 Monate auf See, als wir die Black Pearl endlich einholten. Es war kurz vor Tripoli. Wir konnten die libysche Küste schon sehen, als der Matrose im Krähennest plötzlich schrie, es seien schwarze Segel in Sicht. Ich ließ mir sofort ein Fernrohr geben, eilte zum Bug des Schiffes und da sah ich sie: die Black Pearl. Sie war schon fast zum Greifen nahe. Nach den langen Monaten der Entbehrungen und der Anstrengung hatten wir unser Ziel endlich vor Augen.
Meine Mannschaft war schon drauf und dran, mich für verrückt zu erklären, weil wir einem Phantom nachjagten, wie sie sagten, aber letztendlich sollte ich Recht behalten. Ich gab den Befehl, sofort die langen Riemen auszulegen, damit wir aufholen konnten. Der Wind kam von vorne und drosselte so das Vorankommen der Pearl. Diesen Vorteil mussten wir nutzen, so lang wir konnte. Was ich in diesem Moment aber nicht realisierte, war die ungewöhnliche Intensität des Windes. Auch dass der Himmel begann sich zu verdunkeln, entging mir in meiner Euphorie. Langsam aber sicher kamen wir der Black Pearl immer näher. Der Wind wurde immer heftiger und wuchs allmählich zu einem handfesten Sturm heran. Groves, der mir zur Seite stand, äußerte die Befürchtung das wir geradewegs auf eine Hurrikane zusegelten, aber davon wollte ich nichts hören. Nicht so kurz vor dem Ziel. Ich setzte wieder das Fernrohr an und bemerkte, dass auch auf dem Deck der Black Pearl langsam das Leben erwachte. Ich kann nicht sagen, ob sie uns bemerkt hatten, aber auf jeden Fall hatten sie den drohenden Sturm bemerkt und starteten ein Ausweichmanöver. Die Black Pearl änderte den Kurs weg von der Küste. Scheinbar wollten sie um den Sturm herum segeln. Das war unsere Chance.
Wenn wir durch den Sturm hindurch segeln würden, könnten wir ihnen den Weg abschneiden. In dem Moment war mir der Wahnsinn dieser Aktion nicht wirklich klar. Ich hatte mich so darauf fixiert, Sparrow zu fassen, dass ich an nichts anderes mehr denken konnte. Ich erinnere mich, Das Groves versuchte, mich umzustimmen und zur Vernunft zu bringen, während Gillette ihm immer wieder ins Wort viel und betonte, das der Commodore schon wüsste, was er da tat. Ich wusste es nicht, aber ich tat es trotzdem.
Ich trieb meine Leute zur Eile an. Der Hurrikane tobte mittlerweile mit voller Stärke um die Dauntless und warf das schwere Schiff wie eine Nussschale hin und her. Salzwasser peitschte uns allen ins Gesicht und innerhalb kürzester Zeit waren wir nass bis auf die Knochen. Befehle brüllend hastete ich über das Deck und war bemüht, den Überblick über das ausbrechende Chaos zu behalten. Die Takelage drohte sich vollkommen zu verknoten, so sehr sich die Matrosen auch bemühten, alles im Griff zu behalten. Die Segel waren zum Zerreißen gespannt und ich war mir nicht sicher, ob sie dem Wind stand halten würden. Es war ein Alptraum. Die Pearl hatten wir mittlerweile völlig aus dem Blick verloren. Ich fluchte und hastete zum Steuerrad. Unser Steuermann hatte die Gewalt darüber völlig verloren und ich versuchte, ihm zur Hilfe zu kommen. Mit vereinten Kräften brachten wir das durchdrehende Rad zum Stillstand. Mit größter Anstrengung bemühten wir uns, das Schiff mehr oder minder ruhig zu halten, doch wir waren den Naturgewalten vollkommen ausgeliefert. Gillette hatte mittlerweile geistesgegenwärtig angeordnet, die Riemen wieder einzuholen, von denen bereits ohnehin ein gutes Viertel zerborsten war. Eine gewaltige, Turm hohe Welle raste auf uns zu und plötzlich stand die Dauntless senkrecht im Wasser. Männer schlitterten über das Deck und diejenigen, die nicht rechtzeitig irgendwo Halt finden konnte, wurde über die Reling geschleudert. Ich höret die Männer um mich herum in Todesangst schreien, klammerte mich selbst verzweifelt an das Steuerrad und schickte Stoßgebete gen Himmel. Eine weitere Welle erfasste die Dauntless und brachte sie wieder in waagerechte Lage. Ich rappelte mich auf und versuchte das Steuer wieder unter Kontrolle zu bringen. Der Steuernmann war nirgendwo zu sehen. Wahrscheinlich war auch er wie so viele weitere meiner Männer ins Meer gezogen worden. Ich sah mich an Deck um und bemerkte, wie Groves versuchte, sich schwankend zu mir durchzuschlagen. Er rief mir irgendetwas zu aber ich konnte ihn nicht verstehen, weil der Sturm so laut in meinen Ohren tobte. Er gestikulierte wild, aber ich verstand nicht, was er mir mitteilen wollte. Und als er mich fast erreicht hatte, passierte es. Durch den Sturm und die peitschenden Wellen waren die Masten so in Mitleidenschaft gezogen wurden, dass die Segel nur noch in Fetzen im Wind flatterten. Der Sturm zog und zerrte mit solcher Gewalt an dem Schiff, dass der obere Querbalken des vorderen Mastes zerbarst und auf das Deck hinabstürzte. Die Planken splitterten und ein gellender Schrei zerschnitt für Sekunden, dass tosende Geheul des Sturmes. Ich war wie paralysiert und konnte kaum fassen, was da gerade geschehen war. Der herabstürzende Balken hatte Groves getroffen und unter sich eingekeilt. Ich gab das Steuer, welches ich ohnehin nicht unter Kontrolle zu bringen schaffte, auf und eilte zu dem jungen Mann. Er war noch bei Bewusstsein und wimmerte vor Schmerz. Vergeblich bemühte ich mich, den Balken anzuheben und Groves zu befreien. Einige Matrosen eilten mir zu Hilfe und mit vereinen Kräften gelang es uns schlussendlich, den Leutnant zu befreien. Der Anblick, der sich uns jedoch bot, war so unbeschreiblich grauenerregend, dass ich es gar nicht in Worte zu fassen vermag. Das Rückgrad des armen Kerls war völlig zertrümmert. Er starb wenige Sekunden nachdem wir ihn befreit hatten. Sein Tod und auch der, der vielen tapferen Matrosen der Dauntless wird mich ein Leben lang verfolgen.

Nun geschah alles ganz schnell. Der Balken hatte nicht nur die Planken zum Bersten gerbacht, sondern auch ein klaffendes Loch in die Backbordseite der Dauntless gerissen. Das Unterdeck war schon vollgelaufen, bevor wir dieses Loch hatten, doch nun strömten die Wassermassen geradezu in die Galeone und zogen sie gnadenlos in die Tiefe. An Deck gab es kein Halten mehr. Das Schiff neigte sich wieder gefährlich in die Senkrechte und wer bei der letzen tosenden Welle noch nicht über Bord gegangen war, der verlor spätestens in diesem Augenblick den Kampf gegen die Naturgewalten. Ich kann mich nicht mehr an viel erinnern. Ich weiß nur noch, dass ich ins kalte wasser stürzte, verzweifelt nach Halt suchte und irgendwann das Bewusstsein verlor, als mich etwas hartes am Kopf traf. Vermutlich ein Trümmerstück meines Schiffes. Das nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich völlig durchnässt und trotz der auf mich herabbrennenden Sonne frierend am Strand der libyschen Küste aufwachte.“ Norrington zuckte mit den Schultern und senkte den Blick: „Das ist auch schon alles. So verlor ich mein Schiff, meine Mannschaft und meine Ehre.“
Beckett nickte langsam. Er schwieg einen Moment und fragte dann:“ Aber wie habt Ihr es geschafft von Libyen wieder hier her zu kommen. Afrika ist am anderen Ende der Welt!“ Er warf einen Blick an Norrington vorbei auf die Weltkarte an der Wand. Norrington folgte seinem Blick.
„Nun, dass ist eine weitere lange Geschichte. Aber wenn Ihr erlaubt, dann würde ich mir diese gern für später aufsparen. Mein Hals ist trocken und ich würde mich gerne eine Weile ausruhen, wenn Ihr gestattet.“
Beckett richtete den Blick wieder auf Norrington. „Selbstverständlich. Ich werde einen Diener anweisen, dass er hier im Fort ein Zimmer für Euch bereit macht. Dort könnt Ihr Euch ausruhen. Ich lasse Euch auch etwas zu Essen und zu Trinken bringen, damit Ihr wieder zu Kräften kommt.“
Norrington lächelte dankbar. „Das ist sehr freundlich von Euch. Aber nun habe ich meinerseits noch eine Frage. Was wurde aus meinem Besitz hier in Port Royal? Ich besaß ein kleines Anwesen am Rande der Stadt. Wurde es beschlagnahmt?“
Beckett überlegte einen Moment, stand auf und nahm ein schwere Buch aus einem der Regale. Er blätterte darin und murmelte:“ Ein Haus... lasst mich ins Grundbuch sehen...“ Sein Finger glitt suchend über die Seiten. „Ah, da haben wir es ja!“ Er sah zu Norrington auf: „Ihr habt Glück. Es wurde nicht konfisziert, aber es wäre in den nächsten Wochen versteigert worden. Allerdings solltet Ihr nicht erwarten, dass noch alles an seinem Platz steht.“ Beckett warf ihm einen vielsagenden Blick zu. Norrington verstand, was er ihm damit sagen wollte. Wahrscheinlich war sein Besitz bereits Plünderern zum Opfer gefallen. Aber das war unwichtig. Er würde trotzdem hingehen und sehen, ob sich mit dem Grundstück noch etwas anfangen ließ. Beckett erhob sich, ging zur Tür und gab einem Diener die Anweisung, ein Zimmer vorzubereiten. Norrington bedankte sich noch einmal für die Gastfreundschaft und folgte dem Bediensteten.

Es dauerte nicht lange und das Zimmer, klein und spärlich eingerichtet, aber herrlich ruhig und mit einem weichen Bett ausgestattet, stand ihm zur freien Verfügung. Seufzend ließ er sich auf einen Stuhl sinken, sah zum Fenster hinaus und ließ den Blick über die Stadt schweifen. Port Royal. Endlich zu Hause.

Kapitel 3: Vor den Trümmern eines ehrbaren Lebens

Am nächsten Morgen erwachte Norrington zum ersten mal seit Monaten ausgeruht und ohne das ihm jeder Knochen im Körper schmerzte. Ein Diener brachte ihm das Frühstück mit einer Nachricht von Lord Beckett, dass er sich am Nachmittag in seinem Büro einzufinden hatte. Wahrscheinlich wollte er ihm mitteilen, was sein erster Auftrag sein sollte.
Hungrig machte er sich über das Essen her und füllte seine Tasse mit heißem Tee, viel Milch und noch mehr Zucker. So musste schwarzer Tee sein. Englisch, nicht indisch.
Nachdem er nun ausgiebig gefrühstückt , sich gewaschen und angezogen hatte, empfand er sich selbst wieder als halbwegs annehmbarer Mensch. Seine alte Uniform war zwar nach wie vor zerschlissen, sein Haar zu lang und sein Bart immer noch ungestutzt, aber er stank nicht mehr 10 Meilen gegen den Wind und wirkte alles in allem ausgeruhter und frischer.

Mit neuem Elan machte er sich auf, um die Stadt zu erkunden. Er hatte zwar kaum Geld in den Taschen, aber immerhin noch den wenigen Schmuck, den er aus Davy Jones Truhe gestohlen hatte. Diesen wollte er auf dem Markt zu Geld machen, in der Hoffnung, dass er vielleicht ein paar Goldmünzen dafür bekam. Außerdem stand auf seinem Tagesplan eine Inspizierung seines Hauses. Doch musste er sich ehrlich eingestehen, dass er etwas Angst davor hatte. Er wusste nicht, was ihn erwarten würde, hatte viel Herz in sein Heim gesteckt und dieses schmerzte ihm jetzt schon, bei den Gedanken, vielleicht alles in Trümmern vorzufinden.
Aber erst einmal führte ihn sein Weg von Fort Charles durch die engen Gassen Port Royals zum Marktplatz in der Queens Street. Er schlenderte langsam die Straße entlang, begutachtete die feil gebotenen Waren und genoss es sichtlich, wieder unter ehrbaren Menschen zu sein. Keine Piraten und Seemonster weit und breit.
Er machte bei einem Tuchmacher halt und überlegte beim Anblick der Stoffe, ob es nicht an der Zeit wäre, in neue Kleidung zu investieren, als ihm die merkwürdigen Blicke der Passanten auffielen. Man musterte ihn von oben bis unten und tuschelte hinter vorgehaltener Hand. Erst konnte er nicht wirklich einschätzen, was an ihm so auffällig sein sollte, doch dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Immerhin war er noch vor gut einem halben Jahr Commodore dieser Stadt gewesen und somit ein bekannter und angesehener Mann. Man hatte ihn also erkannt und zerriss sich nun das Maul darüber, was aus dem einst so arroganten und ehrgeizigen Mann geworden war. Hochmut kommt vor dem Fall, wie man so schön sagt. Beschämt verließ er eilig den Stand des Tuchmachers und zog weiter seiner Wege. Bei einem Trödler versetzte er die zwei gestohlenen Ringe und bekam dafür immerhin 20 Goldstücke. Damit ließ es sich schon ganz gut leben. Außerdem hatte er ja noch die Perlenkette, aber die wollte er sich vorerst aufsparen, da der Trödler nicht den Eindruck erweckte, dass er den vollen Wert des Schmuckstückes zu zahlen bereit war.

Etwas weniger entspannt als noch vor ein paar Minuten schlug er den Weg Richtung Osten ein, die Queens Street entlang und an der Gouverneurs Mansion vorbei. Er warf einen kurzen Blick auf den Wohnsitz des Gouverneurs und Erinnerungen wurden wach. Erinnerungen, die er schnell wieder in die hinterste Ecke seines Gedächtnisses verbannte. Hier lebte kein Gouverneur Swann und hier lebte erstrecht auch keine Elizabeth Swann mehr. Voraussichtlich würde sie das nie wieder tun, selbst wenn sie eines Tages zurückkehren sollte. Er hätte sich dafür ohrfeigen können, dass er überhaupt einen Gedanken an sie verschwendete, beschleunigte seinen Schritt und eilte weiter die Straße entlang an der Old Church vorbei und bog in eine kleine Gasse ab. Hier reihte sich eine Stadtvilla an die andere. In den Vorgärten blühten farbeprächtige Blumen und hohe Palmen spendeten Schatten. Das Viertel der höheren Gesellschaft Port Royals.
In seiner zerlumpten Uniform fühlte er sich schrecklich fehl am Platze. Dabei hatte er einst dazu gehört. Aber nun schien es auf einmal Äonen zurück zu liegen. Und dann am Ende der Straße sah er es. Sein Heim, in dem er die letzten 8 Jahre gelebt hatte. Von weitem schien alles unverändert. Als wäre er nie fort gewesen. Doch bei näherer Betrachtung war der Garten ungepflegt und überwuchert. Die Fensterscheiben waren zum Teil eingeschlagen und die Haustür war mit Brettern vernagelt worden. Er verharrte einen Moment an dem schweren Eisentor, hinter dem der Weg zum Haus lag. Er ließ die Hände über die kunstvoll verzierten Eisenstäbe gleiten und schob das Tor dann mit sanftem Druck auf. Quietschend gab es nach und den Weg zum Haus frei. Norrington zögerte. War er wirklich schon bereit, sich den Geistern zu stellen, die in diesem Hause spukten?

Er seufzte schwer und wagte den ersten Schritt. Der Sand unter seinen Sohlen knirschte leise als er sich auf die Haustür zu bewegte. Er betrachtete die Säulen, die den Eingang zierten und langsam von wildem Efeu zuzuwuchern drohten. Er erklomm die 5 Stufen zur Tür mit so schweren Schritten, als hätte er den höchsten Berg der Welt zu besteigen und blieb mit klopfendem Herzen vor der zugenagelten Tür stehen. Wieder zögerte er, legte dann beide Hände an das oberste Brett und zog kräftig daran. Er stemmte einen Fuß gegen den Türrahmen und mit einem neuerlichen kräftigen Ruck löste sich das Brett und er warf es achtlos zu Boden. So löste er ein Brett nach dem anderen und hatte innerhalb kürzester Zeit die Tür freigelegt. Mit vor Anstrengung geröteten Wangen und leise schnaufend legte er nun vorsichtig eine Hand auf die Messingklinke der Tür und strich darüber, als wäre es die zarte Haut einer Geliebten.
„James Norrington, reiß dich zusammen!“, sagte er sich selbst in Gedanken und drückte die Klinke herunter. Die Tür sprang auf und gab den Blick in die Empfangshalle frei. Norrington rang mit sich und wagten dann den Schritt über die Schwelle. Stickige, schwüle Luft schlug ihm entgegen. Es roch abgestanden nach Staub und Asche. Normalerweise wäre ihm jetzt ein livrierter Diener entgegen geeilt, hätte ihm den Staub der Straße von seiner Kleidung geklopft und nach seinen Wünschen gefragt. Doch das Haus war verlassen. Seine Dienerschaft hatte wohl schon vor Monaten das Weite gesucht. Wer konnte es ihnen verübeln?
Er sah sich um. Nichts war mehr an seinem Platz. Die Standuhr links von der Tür war verschwunden, genau so wie die kostbaren Kandelaber an den Wänden. Dort wo einst die antike Holzkommode, welche er aus England mitgebracht hatte, stand, war nur noch ihr Umriss an der vergilbten Wandvertäfelung zu erkennen. Sein Blick wanderte weiter durch die Halle. Zu seiner rechten führte ein Raum in die Haushaltsräume, wie Küche, Vorratskammer und Kellerabgang. Zur linken befand sich der Flur zu den Gesinderäumen. Der Garten hinter dem Haus war zu klein, um ein eigenes Gesindehaus dort zu erbauen. Geradeaus befand sich die große Flügeltür zum Salon und die geschwungene Treppe zum ersten Stock des Hauses.

Norrington beschloss, zuerst den unteren Teil der Villa zu inspizieren. Die Gesinderäume waren vollkommen leer geräumt. Auch in der Küche stand nicht mehr viel, abgesehen vom Kachelofen, der ohnehin in die Wand eingelassen war und dem schweren schwarzen Herd. Er wollte gerade die Tür zum Vorratsraum öffnen, als ihm schon aus einiger Entfernung ein scheußlicher, fauliger Gestank entgegenschlug. Offenbar hatte es niemand für nötig gehalten, die dort gelagerten Lebensmittel zu entsorgen. Norrington entschied, dass er sich diese Katastrophe für einen späteren Zeitpunkt aufheben wollte und widmete sich lieber dem Salon.
Auch dieser war vollkommen leer geräumt. Er ging langsam durch den großen, leeren Raum und seine Schritte hallten an den Wänden wieder. Auch hier waren die Scheiben eingeworfen und die Tür zur Terrasse war aufgebrochen. Die zerrissenen Vorhänge wehten leicht im Wind und gaben den Blick auf den ungepflegten Garten frei. Und mit der leichten Brise wehte ein neuerlicher Schwall Erinnerungen herein. Er glaubte, Elizabeth leise Schritte fast auf dem Parkett hören zu können. Sah ihre zierliche Gestalt förmlich vor sich, wie sie in Begleitung ihres Vaters langsam durch den Salon Schritt und mit graziösen Bewegungen in einem der nicht mehr vorhandenen Sessel Platz nahm. Weatherby hatte sie mehr als ein mal dazu überredet, ihn bei seinen Besuchen hierher zu begleiten und Norrington wusste genau, wie sehr sie es hasste, den beiden Männern bei ihren Gesprächen über Politik und Wirtschaft zuzuhören. Aber sie lächelte stets ihr bezauberndes Lächeln, welches ihn noch bis heute völlig gefangen nahm.
Da waren sie also. Die Geister vor denen er sich eben vor dem Tor noch gefürchtet hatte. Der Gedanke an Elizabeth versetze ihm einen Stich im Herzen. Eigentlich hatte er doch schon damals gewusst, das sie nicht für einander bestimmt waren. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Er war fast 15 Jahre älter, als die junge Frau. Aber er konnte sich nicht gegen ihren Charme und ihre von Tag zu Tag immer mehr aufblühende Schönheit wehren. Wer dachte schon rational, wenn es um die Liebe ging? Eilig verließ er den Salon und floh vor der Flut an Erinnerungen, die von ihm Besitz ergreifen wollten.

Er widmete sich nun dem oberen Stockwerk. Hier befanden sich sein Schlafzimmer mit angrenzendem Ankleideraum und Balkon, ein Gästezimmer ebenfalls mit Balkon, zwei Bäder und eine Bibliothek, die ihm als Arbeitszimmer diente.
Langsam erklomm er die Treppe. Oben angekommen blickte er den langen Korridor entlang, der Zugang zu den einzelnen Zimmern bot. Die erste Tür führte zum Arbeitszimmer. Sie stand offen und der einstmals weiße Türrahmen war mit Ruß überzogen. Das verhieß nichts Gutes. Als er in das Zimmer spähte, entfuhr ihm ein langer tiefer Seufzer. Das Zimmer war nicht vollkommen leer. Die großen schweren Eichenregale standen noch an Ihrem Platz, aber sämtliche Bücher die er ein Leben lang gesammelt hatte, waren fort. Das hieß... nicht ganz. Überall im Raum waren Berge von Asche verstreut. Er schluckte schwer und musste nicht lang überlegen, was wohl passiert sein mochte. Wer immer sein Haus geplündert haben mochte, er hielt nicht viel von Wort und Schrift und hatte es offensichtlich vorgezogen, sämtliche Bücher in Rauch aufgehen zu lassen.
Aber abgesehen von den Regalen und dem Haufen Dreck war auch dieser Raum geplündert worden. Sein schöner Schreibtisch mit den Intarsien und den kunstvoll geschnitzten Beinen war weg. Der Stuhl, die Schränke, sogar der alte, ohnehin schon kaputte Globus, die Lüster an den Wänden... alles weg. Doch halt! Da lag etwas. Ein Bilderrahmen war von der Wand gerissen und achtlos zu Boden geworfen worden. Noch bevor Norrington die Asche fortgewischt hatte, wusste er schon, um welches Bild es sich handelte. Es war ein Portrait seiner Eltern, die er vor fast 10 Jahren in England zurückgelassen hatte. Er hob es auf, lehnte es gegen die Wand und nahm sich vor, es bei nächster Gelegenheit zu säubern und wieder an seinen Platz zu hängen.
Norrington setzte seinen Weg fort, inspizierte die Badezimmer, welche beide genau so leer waren, wie auch schon der Rest des Hauses. Die Kacheln waren hier und da beschädigt worden. Scheinbar hatte jemand versucht, sie herauszubrechen in der Hoffnung, dass man sie verkaufen könnte, musste dann aber wohl festgestellt haben, dass sie dabei nur zerbrachen.
Zum Schluss kam das Schlafzimmer dran. Auch hier bot sich das selbe Bild. Ein vollkommen leerer Raum, zerschlagene Fenster, heruntergerissene Vorhänge und sonst nichts, nichts und wieder nichts. Mit gerunzelter Stirn betrachtet Norrington die hölzerne Wandvertäfelung. Sie sah unbeschädigt aus, was heißen musste, dass noch etwas da sein musste. Er ging zu einer bestimmten Stelle gegenüber des Fensters, legte sein Ohr gegen die Wand und klopfte die Vertäfelung ab. Da war die Stelle! Mit sanftem Druck löste er eine der Platten und legte einen Hohlraum in der Wand frei. Darin verstaut lag eine kleiner Ebenholztruhe mit Silberbeschlägen. Er wischte die Spinnenweben bei Seite, hob die Truhe aus ihrem Versteck und pustete den Staub vom Deckel. Er ließ sich auf den Boden sinken, stellte die Truhe vor sich und zog seinen Degen. Die kleine Truhe war mit einem Schloss gesichert, dessen Schlüssel er wie alle seine anderen Schlüssel verloren hatte. Diese hatte er sicher in der Kapitänskajüte der Dauntless aufbewahrt, kurz nachdem sie die Verfolgung Sparrows aufgenommen hatten. Und die Dauntless lag nun kurz vor Tripoli auf dem Meeresgrund.
Ihm blieb nichts anderes über, als das Schloss mit seinem Degen aufzubrechen. Mit sanfter Gewalt machte er sich an dem Schloss zu schaffen, bis es nachgab, öffnete die Truhe und entnahm ihren Inhalt: Besitzurkunden, Zertifikate der Marineakademie, persönliche Unterlagen und eine kleine Schmuckschatulle. In der Schatulle befanden sich teure goldene Manschettenknöpfe, ein paar Familienerbstücke, die seine Mutter ihm kurz vor seiner Abreise nach Port Royal überließ und ihn immer an seine Herkunft erinnern sollten, eine Hand voll alter Marineabzeichen und Verdienstorden und ein weiteres kleines Kästchen. Norrington musste es nicht öffnen, um zu wissen, was sich darin befand. Ein weiterer Geist, der ihn heimsuchen wollte.

Einen Moment starrte er das Kästchen einfach nur an. Er kämpfte gegen die Flut der Erinnerungen an, verlor diesen Kampf aber kläglich, als er das Kästchen öffnete und mit zitternden Fingern die 2 schlichten goldenen Ringe berührte, die sich darin befanden. In den kleineren von beiden waren 3 Diamantsplitter eingelassen, die im Licht der Sonne funkelten. Eheringe, die wohl niemals jemand tragen würde.
Norrington hatte sie anfertigen lassen, noch bevor er Elizabeth seinen Antrag gemacht hatte. Er erinnerte sich noch wie heute daran, als er immer und immer wieder die Formulierung seines Antrages durchgegangen war. Hunderte Male hatte er diese kleine Rede geübt, sie umgeschrieben, wieder völlig verworfen, um sie dann doch wieder aufzunehmen. Und letztendlich stand er stammelnd und zitternd vor ihr, brachte die Worte nur stockend heraus und schaffte es nicht einmal, Elizabeth dabei anzusehen. Er war so nervös, dass ihm sogar entgangen war, wie blass und elend sie aussah. Wie sie um Atem rang, plötzlich ohnmächtig wurde und, nicht mehr Herr ihrer Sinne, über das Geländer der Festung ins Meer hinabstürzte. Nein, so hatte er sich seinen Antrag nun wirklich nicht vorgestellt.
Immer wieder hatte er sich ausgemalt, wie es hätte sein sollen. Wie sie ihn mit ihrem Lächeln verzauberte, leise seinen Namen hauchte und ihm vor Freude um den Hals fiel. Dann wäre Weatherby zu ihnen gestoßen, hätte ihm freundschaftlich auf die Schulter geklopft und ihn in der Familie willkommen geheißen. So wäre es richtig gewesen. Aber nichts von alledem war jemals geschehen. Im Gegenteil. Nach diesem verhängnisvollen Antrag überschlugen sich die Ereignisse und Norrington sollte keine Ruhe mehr finden.
Energisch ließ er das Kästchen zuschnappen und verbannte mit dieser Geste den Seelenschmerz aus seinem Herzen, so gut er konnte. Er verstaute alles wieder in der Truhe, verbarg diese wieder in dem Hohlraum in der Wand und brachte die Holzplatte wieder an. Noch einmal lies er seinen Blick durch den leeren Raum schweifen, nahm sich vor, alles wieder herzurichten, sobald seine Finanzlage sich verbessert hatte und verließ dann das Haus.

Es war mittlerweile schon Mittag. Norrington hatte noch gut zwei Stunden Zeit, bis er bei Beckett sein sollte. Er überlegte, wie er sich bis dahin sinnvoll die Zeit vertrieb. Langsam schlenderte er die Straße entlang in Richtung Marktplatz. Im kamen wieder die Blicke in den Sinn, die man ihm zugeworfen hatte und entschied, dass es keine schlechte Idee wäre, das Badehaus von Port Royal aufzusuchen. Er hatte sich zwar am Morgen gewaschen, aber mit dem bisschen Wasser in der Waschschüssel war dies eher notdürftig ausgefallen.
Gesagt, getan. Er genoss in besagtem Badehaus eine ausgiebige Wäsche, lehnte aber die ihm angebotene Massage dankend ab. Jeder wusste schließlich, was sich hinter dem Wort Massage tatsächlich verbarg und obwohl Prostitution in Port Royal nicht gern gesehen wurde, duldete man die Aktivitäten in den Hinterzimmern des Badehauses stillschweigend. Er selbst hatte bisher nie Dienstleistungen dieser Art in Anspruch genommen, kannte aber genug wohl situierte und angesehene Herren, die regelmäßig diese Örtlichkeiten aufsuchten. Jeder nach seiner Fasson, dachte er bei sich, befand aber, dass man sein hart verdientes Geld besser investieren konnte, als in kurzweiliges Vergnügen. Geschniegelt und gebügelt mit ordentlich zurückgebundenem Haar und gekämmten, aber immer noch ungestutzten Bart machte er sich nun auf dem Weg zu Lord Beckett. Besser zu früh, als zu spät, dachte er sich.

In Fort Charles wurde Norrington von zwei Wachen zu Becketts Büro begleitet und gebeten, vor der Tür zu warten. Minuten vergingen. Als aus Minuten schon fast eine halbe Stunde wurden, tigerte Norrington bereits auf und ab und warf immer wieder gereizte Blicke auf die schwere Eichentür. Wenn er etwas hasste, dann warten. Es vergingen weiter 15 Minuten bis sich die Tür endlich öffnete und Lord Beckett ihn zu sich herein bat. Norrington verbiss sich den bitteren Kommentar, der ihm auf der Zunge lag und folgte dem kleinen Mann schweigend zu seinem Schreibtisch. Beckett deutete lächelnd auf ein in Leinentuch geschnürtes Packet, dass auf dem großen Schreibtisch lag und sagte in feierlichem Ton: “Willkommen zurück in Amt und Würden, Admiral Norrington. Verzeiht, dass es dieses mal keine große Zeremonie zur Beförderung gibt. Dafür fehlt uns die nötige Zeit. Aber ich denke, dass hier wird Euch dafür entschädigen.“ Er schob das Paket auf Norrington zu.
Norrington hob skeptisch eine Augenbraue, griff nach dem Paket und öffnete es. Er staunte nicht schlecht, als eine nagelneue Uniform zum Vorschein kam. Die Uniform eines Admirals der Royal Navy. Noch bevor er etwas sagen konnte, erhob Beckett wieder das Wort.
„Die Stiefel stehen übrigens dort drüben. Ich würde vorschlagen, wir besprechen erst einmal Euren Auftrag und dann könnt Ihr die Sachen anprobieren. Wenn etwas geändert werden muss, lasst es mich wissen und ich werde einen Schneider beauftragen.“
Mit diesen Worten nahm er hinter dem Schreibtisch platz, schob einen Stapel Papiere bei Seite, der ihm fast die Sicht versperrte, bot Norrington einen Stuhl an und faltete dann die Hände auf dem Tisch. Norrington zog sich einen Stuhl heran und setzte sich, noch immer sprachlos darüber, dass es mit der Beförderung nun tatsächlich so schnell gegangen war. Er legte die Kleider auf seinen Schoß, hielt sie fest, als könnten sie sich jeden Moment in Luft auflösen und sah Beckett erwartungsvoll an.
Der Lord nahm ein Schreiben von dem Stapel und hielt es Norrington entgegen.
„Dies, verehrter Admiral ist im übrigen das offizielle Beförderungsdokument. Hebt es gut auf. Ihr wisst ja, Bürokratie. Die wird uns eines Tages noch ruinieren.“ Beckett schmunzelte.
Norrington erkannte sofort die Unterschrift des Gouverneurs Swann. Entweder hatte sie jemand ausgesprochen glaubwürdig gefälscht, oder der Gouverneur war noch am Leben, wurde jedoch von Becketts Schergen gefangen gehalten. Ihm brannte die Frage nach dem Befinden des Gouverneurs unter den Nägeln, entschied aber, dass der rechte Zeitpunkt noch nicht gekommen war. Er nahm das Dokument an sich und schob es in die Innentasche seiner Jacke.
„Also, Admiral Norrington, komme wir zum Geschäft. Im Hafen liegt ein Schiff, dass darauf wartet, von Euch befehligt zu werden. Die „Intrepid“. Sie ist nicht so imposant, wie Eure „Dauntless“ oder die „Interceptor“, wird uns finanziell dafür aber auch weniger weh tun, solltet Ihr mal wieder ein Schiff verlieren.“
Norrington rollte innerlich mit den Augen. Diese Spitze hätte sich Beckett gerne schenken können, aber er nahm es hin, wie ein Gentleman und lächelte professionell. Freundlich erwiderte er: “Ich danke für Euer Vertrauen in mich. Und was soll ich für Euch mit diesem Schiff tun? Ihr spracht von einem Auftrag“
„Sehr richtig, mein Lieber.“ Beckett klopfte auf das Holzkästchen, in dem das Herz von Davy Jones pochte.
„Wir werden eine kleine Reise unternehmen und den Besitzer dieses Organs suchen. Ich bin überzeugt, dass man mit ihm hervorragend verhandeln kann, wenn man sich im Besitz dieses Kleinodes befindet.“ Beckett grinste breit wie ein Haifisch und Norrington lief es eiskalt den Rücken herunter. Sonderlich angetan war er nicht gerade von der Idee. Was wenn Beckett sich irrte? Diese Reise konnte gefährlicher werden, als alles, was er bisher überlebt hatte. Aber hatte er eine Wahl? Beckett hatte ihn in der Hand und war Herr über sein Schicksal. Also nickte Norrington zustimmend.
„Wir werden noch heute in See stechen. Solltet Ihr also noch etwas zu erledigen haben, dann tut es jetzt. Ich erwarte Euch heute Abend pünktlich um 6 Uhr am Hafen. Ihr seid entlassen.“ Mit diesen Worten komplimentierte Beckett Norrington hinaus. Die schwere Eichentür schloss sich hinter ihm und Norrington sah sich etwas ratlos um. Das war nicht gut. Die ganze Situation war ganz und gar nicht gut.
Ein schwerer Seufzer entfuhr ihm, als er gemessenen Schrittes in Richtung seines Quartiers ging. Im Geiste spielte er seine Möglichkeiten durch und kam zu dem Schluß, das ihm nichts anderes übrig bleiben würde, als sich Becketts Willen zu beugen.

In seinem Zimmer angekommen breitete Norrington feierlich seine neue Uniform auf dem schmalen Bett aus. Er entledigte sich hastig seiner alten Lumpen, die nur noch im Ansatz daran erinnerten, dass sie ihn einst als stolzer Captain der Royal Navy ausgewiesen hatten. Dann zog er langsam die Uniform des Admirals über. Diese Unterschied sich deutlich von, der eines Captains. Die Farbe war zwar jeweils Royalblau, jedoch war die Admiralsuniform üppiger mit Goldborte und Knöpfen verziert, hatte einen breiteren Kragen und der Dreispitz war prächtig mit Federn geschmückt. Er ließ sich Zeit beim Anziehen der neuen Kleider und genoss das Gefühl von sauberem heilen Stoff auf der Haut. Stoff der angenehm roch und nicht vor Dreck stand.

To be continued...

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